Ausgewählter Beitrag

*Sonntagsantwort Nr. 4*

(Ein Projekt von »Sandra« und mir)

Meine Frage vom 10.03.2019 lautete:
An welches früheste Ereignis aus Deiner Kindheit erinnerst Du Dich? 

Man sagt ja oft, daß die Erinnerungen aus der sehr frühen Kindheit keine wirklichen Erinnerungen sind, sondern daß man sie aus Erzählungen so verinnerlicht hat, daß man meine, sie gehören zu den Ereignissen, die man bewußt erlebt hat.

Als ich 3 Jahre alt war, zogen meine Eltern nach Belgien. Wir hatten zuvor sehr, sehr beengt gewohnt, in der Wohnung meiner Großeltern (mütterlicherseits). Das "gute Zimmer" wurde für die Nacht als Schlafzimmer für meine Eltern aufbereitet, mein Kinderbettchen stand dann entweder dort oder im Schlafzimmer meiner Großeltern, je nachdem, wer länger schlafen konnte, mein Papa oder mein Opa.

In Belgien hatten wir dann für uns 3 plötzlich ein ganzes Haus zur Verfügung. Es kostete an Miete weniger als eine Wohnung in Düsseldorf, Papa mußte sich allerdings verpflichten, in der Zeche im Nachbarort zu arbeiten. Es war eine sehr ländliche Gegend, eine totale Umstellung von der Großstadt aufs "Kuhdorf". Dazu kam für uns alle ja auch noch die fremde Sprache...

Hauseigentümer war eine Bauernfamilie, die direkt nebenan ihren Hof hatten. Ich hatte das Gefühl, die ganze Familie (Großeltern, Eltern, 1 Onkel und 7 Kinder) mochte mich sehr gerne; sie ließen mich von Beginn an ihren Tätigkeiten auf dem Hof teilhaben.

An folgendes kann ich mich sehr genau erinnern: Jeden Abend wurde für die Schweine das Mastfutter angerührt. Aus einem großen Sack wurde eine bestimmte Menge (nicht abgewogen, so nach Augenmaß) in einen großen Eimer geschüttet, dazu kam heißes Wasser. Die Bäuerin beugte sich dann darüber, versank ihren Arm bis hin zur Schulter in den Eimer und vermischte das Pulver mit dem Wasser. Ich stand immer wieder staunend dabei und meine Frage lautete jeden Tag:

"Alles für die Kusch-Kusch?"
Und die Bäuerin antwortete immer:
"Alles für die Kusch-Kusch!"

Das hat sich bestimmt über 1, 2 Jahre hingezogen, es war wie ein Ritual. Und nicht nur die Szene, wie die Bäuerin ihren krebsroten Arm aus dem "Brei" zog, sondern auch an den Geruch kann ich mich erinnern; ich würde ihn ganz bestimmt wiedererkennen, wenn es noch dieses Futtergemisch gäbe.




Nun bin ich gespannt auf die Frage, die Sandra zur Beantwortung am nächsten Sonntag stellt…


Nachtrag vom 19.03.2019:
Die »von Sandra« gestellte Frage für den kommenden Sonntag lautet:
Wie oft bist du schon umgezogen?
(Ich habe schon eine Liste angefangen, um keine Station zu vergessen. Ob ich das schaffe?)

»alle bisherigen Beiträge zu diesem Projekt«
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Zitante 17.03.2019, 20.00

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Kommentare zu diesem Beitrag

4. von Anne Seltmann

Guten Morgen Christa!
Oh was für ein süßes Foto von dir. Welchen Gedanken du da wohl nachhängst? :-)

Ich habe meinen Beitrag nun auch fertig

Hier klicken

Liebe Grüße

Anne

vom 21.03.2019, 09.04
Antwort von Zitante:

Hallo liebe Anne, ich weiß es zwar nicht mehr genau, glaube aber, ich schaue ziemlich skeptisch zu meinem Opa hinauf, ich wußte nämlich nie genau, ob er Spaß oder Ernst machte ;-)
Ich schau dann gleich mal bei Dir vorbei, schön, daß Du Dich von der Frage inspirierst gefühlt hast...
Liebe Grüße!
3. von Sandra B. / FacettenReich

So liebe Christa, in Zukunft bin ich wieder pünktlich. Diese Frage war wirklich schwierig für mich, aber danke, dass du sie gestellt hast :-)

Liebe Grüße
Sandra


vom 19.03.2019, 09.46
Antwort von Zitante:

Prima, liebe Sandra, ich hatte fast schon ein schlechtes Gewissen, daß die Frage unpassend war. Um so mehr freue ich mich, daß Du Dich ihr gestellt hast.

Liebe Grüße zurück!
2. von Helga Sievert-Rathjens

Erst einmal: sehr süß das Bild von dir, ganz versonnen oder evtl. lauschend nach dem Gesang eines Vogels.
Ich glaube auch, dass bestimmte Erinnerungen gefühlt werden und nicht nur nachgefühlt durch Erzählungen. Einige sind bestimmt erhalten weil über das Ereignis immer mal wieder gesprochen wird, aber einige sind eben tief gewesen und dadurch erhalten.

Meine Erinnerungsgeschichte:

Ich habe lange nachgedacht über die Frage und mir ist zunächst nichts eingefallen. Dann aber doch ein negatives Erlebnis.
Ich muss auch so ca. 3 Jahre alt gewesen sein. Mein vier Jahre älterer Bruder hatte die lästige Aufgabe auf mich aufzupassen. Er war reichlich genervt über mich. Immer die kleine quengelige Schwester an den Hacken, war nicht so das, was sich ein "großer" Junge von seiner Freizeit erhoffte.
Eines Tages nahm er mich mit in den Stadtpark. Der Nachbarjunge und er erzählten mir nun, dass wir alle "Verstecken" spielen würden. Ich sollte mich an einen Baum stellen und das Lied Hänschen klein singen, wenn ich es zuende gesungen hätte, dürfe ich ihn und Dieter suchen. Wenn ich sie gefunden hätte, könnte ich mich danach auch mal verstecken.
Gesagt getan und nach dem Lied stromerte ich durch den Stadtpark. Zu der Zeit wurde ein Teil des Stadtparksees trocken gelegt. Es muss eine große, nasse Fläche entstanden sein an deren Rand noch Büsche wuchsen. Ich weiß noch genau, dass ich zwischen den Büschen nach meinem Bruder suchen wollte...
Das nächste was ich noch weiß ist, dass ein Schwan auf einem See schwamm, mich anschaute und dann einen Motor an seinem Bürzel startete. Er schoss in rasender Geschwindigkeit auf mich zu und ich fühlte mich total glücklich, weil ich glaubte ich könne ihn nun mal streicheln. Ein starkes Glücksgefühl durchströmte mich.
Dann fehlt mir wieder ein Stück der Geschichte. Erst als ich am Ufer versuchte meinen Stiefel anzuziehen und es nicht schaffte, ich auf die Erwachsenen zuwankte und darum bat mir zu helfen, merkte ich, dass etwas nicht in Ordnung war.
Dann kam ein Polizist, hob mich auf und trug mich, weit weg von seinem Körper haltend, weg.
Später holte meine Mutter mich aus der Polizeiwache, wo ich fröhlich frisch gebadet auf dem Tisch saß. Daran kann ich mich aber nicht mehr erinnern.

vom 18.03.2019, 21.44
Antwort von Zitante:

Danke, liebe Helga, und ich stimme Dir zu, daß oftmals mehr die Gefühle als das Erinnerungsvermögen uns das ins Gedächtnis brennen, als das, was tatsächlich passierte.

Wie schön, daß Du auch deine Erinnerung mit den Leserinnen hier und mir teilst. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es Dir in dem Moment erging, als der Schwan auf Dich zukam – und wahrscheinlich hat Dein Erinnerungsvermögen Dich gerade dann in Stich gelassen, als es unschön für Dich wurde, aus Selbstschutz sozusagen. Ich habe vor Schwänen auch einen Heidenrespekt und ziehe mich ganz schnell zurück, wenn ich sehe, daß ein Tier (womöglich noch fauchend) auf mich zuschwimmt...

Daß die Polizei Dich so gut versorgt hat führte bestimmt dazu, daß Du ihnen später mit Vertrauen begegnen konntest. "Die Polizei, Dein Freund und Helfer" war jedenfalls in meiner Familie ein oft zitierter Spruch.

Einen lieben Gruß!
1. von Ocean

Guten Abend, liebe Christa,

gespannt habe ich Deine Erinnerungen gelesen .. wie schön :) Kusch-Kusch ..das finde ich herrlich. Solche Erinnerungen sind ganz kostbar - und ich denke, wenn auch manches vielleicht durch Erzählungen und Bilder nur scheinbar Erinnerung ist - so gibt es sie doch - die "echten" Erinnerungen von ganz früher. Ich reise gerne in Gedanken zurück in die Vergangenheit. Klar - war nicht immer alles nur rosig. Aber letztlich - gehört doch alles dazu, und wir sind durch diese Erlebnisse zu dem Menschen geworden, der wir heute sind.

Das Bild von dir - es sieht so aus, als wenn du ganz in Gedanken versunken bist und über irgendwas nachgrübelst :)

Liebe Abendgrüße zu dir,

Ocean

vom 18.03.2019, 19.40
Antwort von Zitante:

Liebe Ocean,
auch Deine geschilderte Erinnerung war spannend zu lesen, ich konnte mir die Situation sehr lebhaft vorstellen! Ja, es war nicht alles rosig, aber die positiven Erinnerungen sollten wir im Gedächtnis behalten und darüber erzählen, finde ich. Sie mit anderen Menschen zu teilen tut einfach gut...
Ich könnte mir vorstellen, daß ich gerade zu meinem Opa hinauf gucke, da war ich nämlich immer skeptisch, was er sich gerade für einen Schabernack ausdachte. Er war immer für komische Überraschungen gut!
Liebe Grüße auch zu Dir,
bis bald!
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